Leo Tolstoi

Dieses Wasser, diese Berge, dieser Himmel...

Es ist der 7. Juli 1857. Sie kommen aus Russland und heissen mit vollstĂ€ndigem Namen Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi. In knapp zwei Monaten werden Sie 29, Sie sind noch nicht verheiratet und leben meist als Gutsherr in Jasnaja Poljana. Ihre Hauptwerke „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, mit denen Sie Weltruhm erlangen werden, sind noch nicht geschrieben. Es ist Ihre erste Reise in westeuropĂ€ische LĂ€nder, die vor allem pĂ€dagogischen Zwecken dienen soll.

Nach Stopps in Paris, Genf und Bern sind Sie in Luzern angekommen. Hier wimmelt es nur so von Touristen. Es sind vor allem die EnglĂ€nder, die Sie mit ihrem steifen, hochnĂ€sigen Auftreten etwas irritieren. Sie steigen im erst zwölf Jahre zuvor eröffneten Hotel Schweizerhof Luzern ab – dem besten Hotel am Platz.

Als Sie in Ihr Zimmer hinaufkommen und das auf den See gehende Fenster öffnen, werden Sie „von der Schönheit dieses Wassers, der Berge und des Himmels buchstĂ€blich geblendet und erschĂŒttert
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ĂŒberall Bewegung, Asymmetrie, abenteuerliche Formen, ein unendlich mannigfaltiges Gemisch von Schatten und Linien, und in allem die Ruhe, die Weichheit, die Einheitlichkeit und die Notwendigkeit des Schönen.“ Lediglich der „dumme, kĂŒnstliche weisse Quai mit den gestĂŒtzten LindenbĂ€umchen“ widerspricht Ihrer Meinung nach der natĂŒrlichen Harmonie und Schönheit.

Um halb acht werden Sie zum Essen gerufen: Im grossen, prĂ€chtigen Parterresaal speisen Sie zusammen mit anderen HotelgĂ€sten an zwei langen Tafeln. Mit dabei sind wieder Ihre ungeliebten EnglĂ€nder.Sie Ă€rgern sich ĂŒber die teilnahmslosen Gesichter und wĂŒnschten sich leidenschaftliche GesprĂ€che, Scherze und Wortspiele.

Der Verdauungsspaziergang durch die Gassen der Luzerner Altstadt bringt auch keine Befriedigung. Bis Sie plötzlich die Stimme eines SĂ€ngers hören, die Ihnen sofort das Herz öffnet. Es ist „ein winziges Menschlein“, das unter den Fenstern des Schweizerhofs zur Gitarre alte Lieder aus Tirol singt. Die Menschenmenge lauscht gebannt, versagt dem SĂ€nger aber am Ende seiner Darbietung eine Spende und verspottet ihn gar noch.

Sie hingegen laden den StrassenkĂŒnstler ein - zu einer Flasche Champagner. Nur widerwillig lĂ€sst man Sie mit Ihrem armselig bekleideten Musiker in der Gaststube des Hotels Platz nehmen, wo Ihre Begleitung zudem noch verhöhnt wird.

Das Erlebte wĂŒhlt Sie derart auf, dass Sie sich noch mitten in der Nacht in Ihrem Zimmer an den Schreibtisch setzen und die Ereignisse als sozialkritischen Reisebericht unter dem Titel „Luzern“ niederschreiben.

Über anderthalb Jahrhunderte spĂ€ter, im Jahr 2010, werden Ihr Neffe und der Direktor des Tolstoi-Museums in Moskau dieses Zimmer besuchen. Beide tragen unter dem Arm eine Ausgabe der „VolkserzĂ€hlungen“ von Ihnen

Leo N. Tolstoi, einem der grössten Denker und Schriftsteller seiner Zeit.