Karl Frey

Wettbewerbsgewinner der 101. Zimmergeschichten

Es ist der Abend des 21. Mai 1943. Es scheint, als sei der Zweite Weltkrieg endlich an einem Wendepunkt angekom­men, denn der Widerstand an allen Fronten wird stärker. Der Stab der vierten Division der Schweizer Armee ist im Hotel Schweizerhof Luzern einquartiert. Sie dienen hier als Leutnant und Chef des Wetterdienstes.

In dieser Funktion hat Ihnen der Stabschef soeben folgenden Auftrag erteilt: «Herr Leutnant, wie Sie bereits wissen, findet morgen von neun bis elf Uhr auf dem Stanserhorn die Besprechung der soeben stattgefundenen Manöver des zweiten Armeecorps statt.

Aufgeboten sind alle höheren Offiziere vom Hauptmann bis zum Divisionskommandanten und dem Oberstcorpskom­ mandanten Prisi als höchster leitender Instanz. Ich erwarte Sie morgen um 5.45 Uhr auf der Dachterrasse des Hotels zur Entgegennahme der Wetterprognose. Wir benötigen freie Sicht und können keinen Regen brauchen.»

Ein grosser militärischer Anlass steht also bevor, vergleichbar mit dem «Rütlirapport» des Generals Henri Guisan vor drei Jahren. Dieser war übrigens auch schon Gast im Schwei­zerhof.

Sie sind wegen des äusserst verantwortungsvollen Auftrags mehr als aufgeregt.

Besorgt betrachten Sie den Himmel, an dem bereits einige Cirrus­ und Altocumuluswol­ken aufziehen – Vorboten des Endes der bestehenden Schön­wetterlage.

Für eine Prognose ist dies eine der schwierigsten Wetterlagen. Trotzdem schlafen Sie erholsam in Ihrem prächtigen Zimmer mit Blick auf den Pilatus.

Am nächsten Morgen begeben Sie sich in aller Frühe zum Wetterbüro. Zu Ihrem Entsetzen regnet es in der Westschweiz bereits. Auf der Dachterrasse betrachten Sie nachdenklich die geschlos­sene Wolkendecke einer Warmfront, die noch auf einer Höhe von ca. 4000 Metern liegt. Doch da entdecken Sie im Süden eine kleine blaue Wolkenlücke, ein sogenanntes Föhnfens­ter. Nicht ohne Risiko, aber optimistisch, erstellen Sie eine gute Wetterprognose für das hohe militärische Treffen und wollen dies umgehend dem Oberstdivisionär Iselin melden.

Als er Sie auf Ihr Klopfen hin auffordert, sein Zimmer – eines der schönsten des ganzen Hotels – zu betreten, bietet sich Ihnen ein seltsames, fast filmreifes Bild, das einer gewissen Komik nicht entbehrt: Sie, in Uniform, melden sich korrekt in Achtungstellung, während der eben dem Bett entstiegene Oberstdivisionär Iselin im Pyjama dasteht.

Scheinbar unbe­eindruckt stellen Sie Ihre riskante Prognose: «Herr Oberst divisionär Iselin, eine atlantische Störung hat bereits den Westen des Landes erreicht. Bei uns bleibt es meist bedeckt, unter leichtem Föhneinfluss wird jedoch vor elf Uhr kein Regen fallen.» Daraufhin entscheidet dieser trotz unpassen­ dem Tenü schnell und klar: «Herr Leutnant, teilen Sie dem Stabschef sofort mit, dass die militärische Veranstaltung auf dem Stanserhorn wie vorgesehen stattfindet.»

Zu Ihrer Erleichterung beginnt der Rapport pünktlich und kann, bei langsam absinkender Wolkendecke und trockener Witterung, kurz vor elf Uhr beendet werden. Erst während der Talfahrt, um zwanzig nach elf, fallen die ersten Regentropfen und ein Gewitter bringt auch hier das Ende der Schönwetter­lage. Ihre riskante Wetterprognose aber ist geglückt. Ausge­lassen trinken Sie zum Mittagessen im Schweizerhof einen guten Wein.

Der schwache, jedoch wirksame Südföhn, der den Beginn des Regens in der Region Luzern in der gewünschten Weise um einige Stunden verzögerte, und der Aufenthalt im Hotel Schweizerhof sind Ihnen bis heute, siebzig Jahre später, in eindrücklicher und schöner Erinnerung geblieben. Heute, mit 97 Jahren, sind für Sie die Worte des Dichters Jean Paul so wahr wie nie zuvor:

«Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.»

PS: Etwas mehr als ein Jahr später, am 5. Juni 1944, fand in England ein ähnliches «Prognosenereignis» statt. Die höchs­ten Kommandanten der gewaltigen Invasionsarmee erhielten die Wetterprognose: «Bei unbeständigem Wetter wird mor­ gen zwischen zwei Wetterfronten eine kurze Wetterbesserung eintreten.» General Eisenhower entschied: «Well, we will go.»