Käti Schulthess

Die erste Fallschirmspringerin der Schweiz

Es ist der 12. August 1928. Ganz Luzern ist auf den Beinen. Heute findet das grosse Wassersportfest am Vielwaldstädtersee statt. Die Hauptattraktion des heutigen Tages sind Sie: Käti Schulthess, Krankenschwester aus Zürich. Sie nehmen einen letzten langen Zug von Ihrer Zigarette, stecken sich die Packung unter Ihre Badekappe und schnallen Ihren Fallschirm der Berliner Marke Heinecke auf den Rücken.

Der Pilot wartet bereits im Flugzeug und signalisiert Ihnen ungeduldig, endlich an Bord zu kommen. Eine starke Bise ist aufgekommen, die ihm etwas Sorge bereitet. Sie wiederum spüren lediglich das Adrenalin in Ihren Adern. Fliegen ist Ihre Leidenschaft. Als Sie im letzten Jahr die Flugscheinprüfung zur Fallschirmspringerin bestanden haben, ist Ihr grösster Traum in Erfüllung gegangen.

Das Flugzeug gewinnt an Höhe und Sie geniessen den atemberaubenden Blick über Luzern, den Vierwaldstädtersee und die Berge. Das Glücksgefühl ist unbeschreiblich. In wenigen Minuten sollen Sie aus dem Flugzeug springen und mit dem Fallschirm im Seebecken landen.

Ein einmaliges Ereignis für die Schweiz. Und dann auch noch ausgeführt von einer Frau!

An den Seeufern verteilt stehen Hunderte von Schwimmern bereit zum Einsatz. Derjenige, der Sie nachher aus den Fluten retten kann, gewinnt den ersten Preis im Rettungsschwimmen. Doch der Wind erschwert das Manöver. Sie können sich mit dem Piloten nicht über den Absprungort einigen.

Auf dem Flugzeug-Flügel stehend versuchen Sie ihn per Handzeichen zu lotsen. Doch plötzlich zieht die Maschine hoch. Sie verlieren das Gleichgewicht und stürzen in die Tiefe. Ganz Luzern stockt der Atem.

Bewusstlos landen Sie auf dem Dach des Hotels Schweizerhof. Als Sie nach wenigen Sekunden zu sich kommen, greifen Sie erst einmal unter Ihre Badekappe und genehmigen sich eine Zigarette. Der Hoteldirektor kommt zu Ihnen aufs Dach und geleitet Sie sicher hinunter.

Ein amerikanischer Fan besteht darauf, mit Ihnen – blutverschmiert wie Sie sind – ein Glas Champagner zu trinken. Dann rennen Sie tatsächlich noch durch den Hinterausgang hinaus und springen ins kühle Wasser. Es ist doch schliesslich ein Wassersportfest, und die Rettungsschwimmer warten auf Ihren Einsatz.

Das Bankett am Abend bekommen Sie nur rudimentär mit. Beim ersten Tanz brechen Sie zusammen und werden ins Krankenhaus zum Röntgen gebracht. Diagnose: gebrochenes Steissbein und ein zehn Zentimeter langer Riss im Beckenknochen.

Obwohl der Arzt sofortiges Eingipsen verordnet, fahren Sie lieber nach Zürich zurück.

Fünfzig Jahre später, am 12. Januar 1978, betreten Sie wieder das Hotel Schweizerhof Luzern – dieses Mal als Übernachtungsgast durch den Haupteingang.

In das Gästebuch schreiben Sie:

„Einmal nach fünfzig Jahren das Hotel Schweizerhof besuchen, wo ich so hart gelandet bin mit dem Fallschirm. Käti Bauer-Schulthess.“