Alfred Escher

Schweizer Pioniergeist

Es ist der 22. Mai 1882. Heute wird in einer offiziellen Zeremonie die neue Gotthardbahn eröffnet. Es ist ein bedeutender Tag für Sie, auch wenn Sie selber nicht dabei sind. Aber dazu später mehr.
Um 8.30 Uhr sind mehr als 360 geladene Gäste aus Mailand aufgebrochen, um nur 11 Stunden später in Luzern anzukommen – dank dem neuen, 15 Kilometer langen Gotthard-Bahntunnel.

Dieses Jahrhundertwerk, das die Schweiz verändern wird, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Ihnen, Alfred Escher, Pionier des Eisenbahnbaus, Gründer der heutigen Credit Suisse und des damaligen Polytechnikums (heute: ETH Zürich), National- und Regierungsrat aus dem Kanton Zürich, kurz: einem der Väter der modernen Schweiz.

Sie haben schnell erkannt, dass nur ein ausgebautes Eisenbahnnetz mit einer Alpentransversale die wirtschaftliche und kulturelle Isolierung der Schweiz verhindern kann. Im August 1863 schliessen sich 16 Kantone sowie die beiden Gesellschaften Centralbahn und Nordostbahn zu einer «Vereinigung zur Anstrebung der Gotthardbahn» zusammen.

Wie Dr. Fischer, der Direktor der Centralbahn, verkehren auch Sie als damaliger Direktionspräsident der Nordostbahn in unserem Haus.

Später, zur Zeit des Baus des Gotthardtunnels, sind Sie immer wieder gern gesehener Gast im Hotel Schweizerhof Luzern. Mit unerschöpflicher Energie und unter Einsatz Ihres einzigartigen Beziehungsnetzes in Politik und Wirtschaft gehen Sie ans Werk. 1872 kann mit der Ausführung des Jahrhundertprojektes begonnen werden.

Kostenüberschreitungen durch das Bau- und Ingenieurunternehmen Louis Favre führen schliesslich zu einem gesellschaftspolitischen Problem, da viele Leute ihr ganzes Vermögen in Eisenbahntitel gesteckt haben. Ein Sündenbock ist schnell gefunden: nämlich Sie.

m Sommer 1878 fassen Sie – unter Druck des Bundesrates – den Entschluss, als Direktionspräsident der Gotthardbahn-Gesellschaft zurückzutreten. Vorab gewährleisten Sie aber noch durch zahlreiche Gespräche mit potenziellen Geldgebern die Vollendung des Projektes. Die Ihnen gebührende Anerkennung bleibt Ihnen dennoch verwehrt. Zur heutigen Eröffnungsfeier werden Sie erst verspätet eingeladen.

uch wegen gesundheitlicher Probleme nehmen Sie nicht am Galadinner im Hotel Schweizerhof Luzern teil. Sie bewundern nicht das nächtliche Feuerwerk über dem Vierwaldstättersee. Auch soll es Ihnen nicht mehr vergönnt sein, den Gotthardtunnel, dessen grösster Förderer Sie sind, selbst zu befahren.

125 Jahre später, am 22. Mai 2007, findet die Jubiläumsfeier der Gotthardbahn ganz im Geist der Zeremonie von 1882 statt. Die heutigen Gäste reisen allerdings nur eine kurze Strecke, nämlich mit dem Alfred-Escher-Zug von Zürich nach Luzern. An Bord eines über den Vierwaldstättersee dampfenden Schiffes wird Champagner der Marke Roederer kredenzt,derselbe wie bei der Einweihungsfeier von 1882. Das Galadinner im Hotel Schweizerhof Luzern ist ganz im Stil der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gehalten. Es gibt Putenpaste in Aspik mit Trüffeln, Rinderfilet à la Godard und eine venezianische Eisbombe sowie eigens für diesen Zweck abgefüllten Schweizer Wein. Das Hotelpersonal trägt historische Kostüme und Frisuren jener Zeit, und auch die Tischdekoration entspricht der damaligen Epoche. Ein fünfköpfiges Salonorchester spielt Strauss-Weisen, zwei Opernsänger singen Arien aus Wagners Lohengrin und Verdis Rigoletto. Ein kurzes Theaterstück gegen Ende des Galadinners versetzt die Zuschauer ins Jahr 1880 zurück, als die beiden Tunnelvortriebe aufeinander stiessen. Die Detonationen donnern, die Bahnarbeiter jubeln. Unter den historischen Persönlichkeiten, von Schauspielern dargestellt, befinden auch Sie sich. So erleben Sie doch noch die Eröffnungsfeier, kriegen quasi eine zweite Chance. Sie wenden sich mit folgenden Worten an die Gäste:

«Ich gelte als derjenige, der das Budget zum Bau des Tunnels gesprengt hat.»

Vor 125 Jahren war das so, Herr Escher. Heute schätzt man Sie als Eisenbahnpionier, als weitsichtigen Politiker und einflussreichen Visionär. Über dem See wird wie damals ein farbenprächtiges Feuerwerk entzündet. Es zelebriert das moderne Wunderwerk, das Sie der Schweiz geschenkt haben. Ein Denkmal zu Ihren Ehren vor dem Hauptbahnhof Zürich beweist, dass man Ihre Verdienste in voller Reichweite erkannt hat. Ihr wahres Denkmal bleibt aber zweifelsohne der Gotthardtunnel.